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Leichen sollen künftig genauer untersucht werden

Obduktion in der Rechtsmedizin
dpa
Obduktion in der Rechtsmedizin

Bis zu 1200 Tötungen bleiben jedes Jahr unentdeckt. Die Justizminister vermuten, dass viele Morde bei den Untersuchungen der Hausärzte nicht auffallen. Darum soll die Qualität der Leichenschauen verbessert werden. Doch es fehlt noch die Zustimmung der Gesundheits- und Kultusministerien.

Trauerfall in Siegen: Eine ältere Frau stirbt, die Angehörigen entscheiden sich für die Feuerbestattung. Was die Familie nicht weiß – vor Verbrennungen wird grundsätzlich ein Rechtsmediziner eingeschaltet.

In diesem Fall entdeckt er die gut sichtbaren Würgemerkmale am Hals. Die Familie selbst hatte die Frau gemeinschaftlich getötet. Und wie in fast allen Fällen war es auch dieses Mal ein Hausarzt, der den vermeintlich natürlichen Tod bescheinigte.

Bis zu 1200 Morde und Tötungen jährlich bleiben so unentdeckt – das haben Forscher der Universität Münster herausgefunden.

Schuld sind meistens Hausärzte, die nicht einmal klare Anzeichen von Gewalteinwirkung richtig deuten. Auch bei Obduktion hinkt Deutschland hinterher: Während hierzulande gerade einmal zwei Prozent der Toten professionell seziert werden, sind es in Großbritannien fünf Mal so viel.

Das Problem ist seit Jahren bekannt, doch erst jetzt haben die Justizminister einen Beschluss gefasst, der die Qualität der Leichenschauen nachhaltig verbessern könnte. Demnach sollen in Zukunft zur Qualitätsverbesserung Todesfeststellung und Leichenschau strikt voneinander getrennt werden.

Das beschlossen die Justizminister der Länder in Berlin. Allerdings müssen noch die ebenfalls involvierten Gesundheits- und Kultusministerien zustimmen. Hausärzte sollen nach diesen Plänen künftig so gut ausgebildet werden, dass sie in der Lage sind, Tötungen zu entdecken. Außerdem soll das Honorar für Leichenschauen auf 150 Euro angehoben werden, um die Qualität zu sichern.

Bislang bekommen etwa Berliner Ärzte für Leichenschauen gerade einmal 51 Euro; wenn keine Angehörigen aufzutreiben sind und Ämter einspringen müssen sogar nur 13,50 Euro. „Diese miese Bezahlung ist mit ein Grund für schlampig durchgeführte Leichenschauen“, sagt Michael Tsokos, Leiter der Rechtsmediziner an der Berliner Charité.

„Was für Ärzte arbeiten denn für 13,50 Euro?“ Mit den Vorschlägen der Justizministerkonferenz ist Toskos zwar „voll einverstanden, denn bislang „haben die Toten überhaupt noch keine Lobby“. Voraussetzung für eine erfolgreiche Umsetzung sei aber, dass die Hausärzte bei rechtsmedizinischen Instituten geschult würden. „Das dürfen keine Wochenendkurse sein“, sagte Tsokos. „Da bedarf es einer intensiven Eignungsprüfung.“

Auf Zustimmung stoßen die Beschlüsse auch bei Polizei und Ärztevertretern. Konrad Freiberg von der Gewerkschaft der Polizei sprach von einem „erfreulichen Vorhaben“, denn so könnten viel mehr Delikte als bisher aufgeklärt werden. Der Präsident der Berliner Ärztekammer, Günther Jonitz, rechnet ebenfalls mit einer deutlich höheren Aufklärungsquote. Allerdings müsse die Finanzierung sichergestellt sein, so Jonitz.

Skeptisch ist Burkhard Madea vom rechtsmedizinischen Institut der Universität Bonn was die Umsetzung betrifft. „In Nordrhein-Westfalen gibt es jedes Jahr 170.000 Tote.“ Es sei deshalb auch ein quantitatives Problem, genügend Experten für die Leichenschauen zu bestellen.

Dennoch begrüßt Madea das Vorhaben der Justizministerkonferenz auch deshalb, weil es Regelungen aus dem früheren Recht der DDR enthält. Demnach soll in Zukunft bei Kindern unter 16 Jahren und Säuglingen standardmäßig obduziert werden.

Falls sich die Justizminister mit ihrem Beschluss durchsetzen, rechnet Madea zudem mit einer besseren Aufklärung von Todesfällen in Pflege- und Altenheimen. Viele Todesfälle in solchen Einrichtungen dürften sich dann als Gewaltverbrechen entpuppen, glaubt Madea.

Zuletzt aktualisiert: Samstag, 7. November 2009, 13:39 Uhr

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