Frachter schmuggelte Waffen für einen Monat Krieg
Israels Militär stoppt einen Frachter, der offenbar Raketen aus dem Iran an die Hisbollah liefern sollte. Die ahnungslose Besatzung leistet keinen Widerstand. Das Schiff, in Besitz einer deutschen Reederei, hat keineswegs nur Polyethylen an Bord. Dafür etwa 300 Tonnen Waffen – genug für den den Krieg.
Noch im Schutz der Dunkelheit stürmten die Soldaten der israelischen Elitetruppe Schajetet 13 den Frachter. Doch nur die stürmische See machte die Kommandoaktion riskant – die elf Besatzungsmitglieder der Francop leisteten keinen Widerstand. Später sollte sich herausstellen, dass keiner von ihnen auch nur ahnte, dass sich in den 36 Containern auf ihrem Schiff etwa 300 Tonnen Waffen befanden und keineswegs Kunststoff, wie auf den Frachtpapieren zu lesen war.
Raketen, Luftabwehrprojektile, Panzerfäuste, Mörsergranaten und Mienen sollten im syrischen Hafen Latakia gelöscht und von dort in die Hände der libanesischen Schiitenmiliz Hisbollah weitergeschmuggelt werden – obwohl die nach dem Libanonkrieg 2006 verabschiedete UN-Resolution 1701 der Terror-Organisation die Wiederbewaffnung verbietet.
Ihre Reise begannen die Waffen nach Recherchen der israelischen Sicherheitsdienste vor etwa 10 Tagen in der iranischen Hafenstadt Bandar-Abbas. Im ägyptischen Damietta wurden die Container dann auf die Francop umgeladen. Der Frachter gehört der deutschen Reederei Gerd Bartels in Neu Wulmstorf bei Hamburg. Sie hatte das Schiff langfristig an die in Zypern ansässige Firma United Feeder Service verchartert. Solche Charterverträge laufen bisweilen über Jahre, ohne dass der Schiffseigner erfährt, was in dieser Zeit transportiert wird.
Auch bei Gerd Bartels will man von den Waffen nichts gewusst haben. Ein polnischer Kapitän befehligte das Schiff, es fuhr unter der Flagge Antiguas, deutsche Mannschaften waren offenbar nicht an Bord. Kurz vor dem letzten Zischenstopp auf Zypern wurde die Francop dann, 180 Kilometer vom israelischen Festland entfernt, von israelischen Kräften gestoppt, aufgebracht und in den Hafen von Aschdod, etwa 40 Kilometer südlich von Tel Aviv eingewiesen.
Fast 24 Stunden war man dort mit dem Entladen der versteckten Container beschäftigt. Ein oberflächliche Sichtung der Ladung ergab, dass die Waffen aus unterschiedlichen Herkunftsländern stammen: Marinechef Rani Ben Jehuda sagte, die Waffen hätten es der Hisbollah ermöglicht, Israel etwa einen Monat lang zu bekämpfen. Andere Militärs wiesen darauf hin, dass es der Hisbollah gelungen sei, sich nach dem Libanonkrieg 2006 mit iranischer Hilfe schnell wieder zu bewaffnen. Man gehe heute davon aus, dass in ihren Waffenlagern etwa 60.000 Raketen lagerten, sagt Tal Lev-Ram, der Militär- und Verteidigungsexperte des israelischen Armeeradios.
Darunter befänden sich nach israelischen Geheimdienstinformationen auch Raketen mit einer Reichweite von bis zu 300 Kilometern. Tel Aviv und andere Bevölkerungszentren könnten damit getroffen werden. Teheran und Damaskus bestritten umgehend, die Hisbollah mit Waffen versorgen zu wollen und die wiederum leugnete, etwas mit der Ladung zu tun zu haben. Dass man in Israel vom Gegenteil überzeugt ist, liegt auch daran, dass solche Schmuggellieferungen in letzter Zeit zugenommen haben.
Während die Waffenlieferungen an die Hamas im Gazastreifen meist auf den Landweg durch Länder wie den Sudan transportiert würden, habe Teheran sich darauf verlegt, die Hisbollah vorwiegend auf dem Seeweg auszustatten, sagt Militärexperte Lev-Ram. In beide Richtungen habe der Waffenschmuggel aber stark zugenommen. Denn letztlich sei das Regime in Teheran von den Ergebnissen sowohl des Gazakrieges als auch des Libanonkriegs enttäuscht und wolle seine Verbündeten nun stärken.
Schon kurz nach dem Libanonkrieg, im Oktober 2006, hatte General Jossi Beidatz den israelischen Verteidigungsminister darüber informiert, dass es „eindeutige Beweise“ dafür gebe, dass noch immer Waffen über Syrien in den Libanon geschmuggelt würden. Die syrische Regierung wisse davon. Der Chef des Militärgeheimdienstes, Amos Jadlin, sagte im März 2008 vor einem Knesset-Ausschuss, der Iran schmuggele Waffen auch über die Türkei in den Libanon. Allerdings wüssten die türkischen Behörden nichts davon.
Im Mai 2007 gelang den Türken ein Schlag gegen den Schmuggel: Sie konnten 300 Raketen konfiszieren, die mit einem Zug aus dem Iran eingeführt worden waren. Anfang dieses Jahres wurden von den zyprischen Behörden auf einem vom Iran gecharterten Schiff Waffen entdeckt, die ebenfalls für den Libanon bestimmt waren. Und erst vor einem Monat wurden auf der unter deutscher Flagge fahrenden Hansa India acht Container mit Munition und Materialen zum Waffenbau gesichert. Beide Ladungen kamen aus Iran.
Israel will seinen jüngsten Erfolg nun politisch nutzen. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erklärte, der Fund sei nur der jüngste Beweis für die „kriminellen Aktivitäten“ des Iran. Die internationale Gemeinschaft müsse endlich mehr Druck auf Teheran ausüben. Schon einmal, vor sieben Jahren, hatte ein solcher Waffenfund politische Konsequenzen.
Am 3. Januar 2002 stellten israelische Truppen auf dem Schiff Karine-A 83 mit Waffen gefüllte Container sicher. Die aus dem Iran stammende Ladung war für den Gazastreifen bestimmt, der damals allerdings noch von Jassir Arafats Fatah regiert wurde. Nach dem Zwischenfall soll Präsident George Bush das letzte Vertrauen in Jassir Arafat verloren haben.
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