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Israel und Iran stehen kurz vor einem Atomkrieg

Im Nahen Osten droht noch in diesem Jahr ein Krieg mit Atomwaffen, meint Buchautor Benny Morris. Er erklärt, warum ein israelischer Angriff unausweichlich wird, wenn das Regime in Teheran sein Nuklearprogramm nicht bis zum Herbst einstellt. Sogar der Zeitraum eines möglichen Angriffs steht bereits fest.

Israel wird in den kommenden vier bis sieben Monaten die iranischen Atomanlagen angreifen. Das ist so gut wie sicher, und die Politiker in Teheran und Washington sollten innig hoffen, dass der Angriff erfolgreich ist und das Atomprogramm Irans beträchtlich zurückwirft, wenn nicht völlig ausschaltet. Denn sollte der Angriff fehlschlagen, gibt es im Nahen Osten höchstwahrscheinlich einen Atomkrieg.

Eine Eskalation des iranisch-israelischen Konflikts bis zur nuklearen Ebene folgt fast zwangsläufig, wenn ein mit konventionellen Waffen geführter Angriff Israels scheitert. Denn jeder Geheimdienst auf der Welt geht davon aus, dass Irans Atomprogramm die Herstellung von Waffen und nicht die friedliche Nutzung der Kernkraft zum Ziel hat. Trotz des Geredes über ein weiterführendes Wirtschaftsembargo wissen alle, dass Sanktionen bisher nichts gebracht haben und dass eine zusätzliche Verschärfung unwahrscheinlich ist. Westliche Geheimdienste erwarten, dass der Iran binnen ein bis vier Jahren die Bombenproduktion aufnehmen kann.

Das lässt der Welt nur eine Option, will sie einen atomar bewaffneten Iran verhindern: die militärische. Ohne Frage könnten die Amerikaner dieses Ziel mit konventionellen Waffen erreichen. Dazu müssten sie mehrere Angriffswellen gegen die Luftverteidigungs- und Kommandoeinrichtungen des Iran und dann gegen die Nuklearanlagen selbst fliegen. Doch als Ergebnis des Wirrwarrs im Irak und zunehmend in Afghanistan ist die amerikanische Öffentlichkeit der Kriege in der islamischen Welt müde geworden. Das schränkt die Fähigkeit des Weißen Hauses ein, eine neue Militärkampagne zu führen, zumal deren Ziel aus Sicht vieler Amerikaner keinem vitalen Interesse der USA entspricht.

Auch die neue diplomatische Initiative Washingtons ist vor diesem Hintergrund zu sehen. Präsident George W. Bush muss seinem Volk beweisen, dass er alle anderen Mittel erschöpft hat, bevor er für einen amerikanischen – oder israelischen – Angriff grünes Licht gibt.

Da Israel glaubt, dass seine schiere Existenz auf dem Spiel steht, wird es den Angriff wagen. Schließlich drohen die Führer Irans fast täglich mit der Vernichtung des jüdischen Staats. Die politische Spitze Israels, allen voran Premierminister Ehud Olmert, hat sich festgelegt: Die iranische Bombe bedeutet die Zerstörung Israels. Der Iran darf nicht in den Besitz der Bombe gelangen.

Die jüngsten Berichte über israelische Angriffspläne und -vorbereitungen passen ins Bild. Aus einer Reihe von Gründen wäre die Zeitspanne vom 5. November 2008 bis zum 19. Januar 2009 der wahrscheinlichste Termin für einen Militärschlag. Das Problem ist, dass Israels militärische Kapazitäten bedeutend kleiner sind als die der USA. Erschwert wird die Operation dadurch, dass große Entfernungen überwunden werden müssen, dass es um eine Vielzahl geografisch weit verstreuter Anlagen geht, die häufig unterirdisch angelegt sind, und dass nur unzureichende Geheimdienstberichte vorliegen. Folglich ist es unwahrscheinlich, dass die israelischen Streitkräfte Irans Atomprojekt zerstören oder ernsthaft zurückwerfen können, selbst wenn ihnen erlaubt wird, den jordanischen und irakischen Luftraum zu durchfliegen oder – auf amerikanische Vermittlung – sogar irakische Landebahnen zu nutzen.

Es ist zwar möglich, dass ein konventioneller Militärschlag Israels – ob erfolgreich oder nicht – die Iraner dazu veranlassen wird, ihr Nuklearprogramm zu stoppen, oder dass er die westlichen Mächte dazu bewegen wird, den diplomatischen und ökonomischen Druck auf den Iran zu erhöhen oder sogar selbst militärisch zu intervenieren.

Das wahrscheinlichere Szenario ist aber, dass die internationale Gemeinschaft weiterhin nichts Ernsthaftes unternehmen und dass der Iran seine Bemühungen beschleunigen wird, die Bombe herzustellen, die Israel zerstören kann. Außerdem dürften die Iraner Vergeltung üben, indem sie Israels Städte mit Raketen angreifen, ihre lokalen Verbündeten, Hisbollah und Hamas, zu Angriffen anstacheln und internationale islamistische Terrornetzwerke auf israelische, jüdische und wahrscheinlich auch amerikanische Ziele ansetzen.

Das alles bedeutet, dass Israels Politiker die Wahl haben zwischen Pest und Cholera: Entweder sie erlauben den Iranern, in den Besitz der Bombe zu kommen, und hoffen das Beste (nämlich auf ein atomares Patt, bei dem die garantierte gegenseitige Zerstörung die Iraner davon abhält, die Bombe tatsächlich einzusetzen), oder sie greifen an und beantworten die iranischen Gegenschläge, die den Einsatz chemischer und biologischer Sprengköpfe enthalten könnten, mit der Eskalation des Konflikts. Dann könnte Israel mit dem einzigen Mittel zuschlagen, das die Ausschaltung des iranischen Atomprojekts sicherstellt, nämlich seinem Nukleararsenal.

Angesichts der fundamentalistischen, zur Selbstaufopferung bereiten Haltung der Mullahs wird die Abschreckung vielleicht nicht funktionieren. Folglich ist ein israelischer Atomschlag wahrscheinlich. Bleibt die israelische Präventivaktion aus, dürfte ein nuklearer Angriff des Irans auf Israel erfolgen, sei es aus ideologischen Gründen, sei es aus Angst vor einem israelischen Erstschlag. Das wiederum ließe eine israelische (oder amerikanische) Vergeltung erwarten. So oder so aber droht in Nahost ein nuklearer Holocaust.

Aus alledem folgt, dass die politischen Führer des Iran gut daran täten, ihr Vabanquespiel zu überdenken und ihr Atomprogramm ruhen zu lassen. Tun sie das nicht, sollten sie alles unternehmen, damit Israels konventioneller Luftangriff auf die Atomanlagen ihres Landes erfolgreich ist. Ohne Frage wird ein solcher israelischer Militärschlag Tausende Opfer fordern und mit einer internationalen Demütigung Teherans einhergehen. Doch die Alternative besteht in einem zu atomarem Ödland reduzierten Iran. Manche Iraner mögen der Meinung sein, dass die Aussicht auf den Untergang Israels diesen Preis wert ist. Die Mehrheit der Iraner indes dürfte das anders sehen.

Aus dem Englischen von Daniel Eckert - Benny Morris lehrt Geschichte des Nahen Ostens an der Ben-Gurion-Universität in Beerscheba und ist Autor mehrerer Bücher über den israelisch-arabischen Konflikt

Zuletzt aktualisiert: Samstag, 19. Juli 2008, 19:25 Uhr

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