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Warum Wessis nicht im Osten studieren wollen

Schüler demonstrieren vor Humboldt-Universität
dpa
Schüler demonstrieren vor Humboldt-Universität

Der Ruf ist schlecht, die Vorzüge kennen nur wenige: Lediglich die Hälfte der Abiturienten weiß, dass es im Osten keine Studiengebühren gibt. Eine neue Studie erklärt, warum Westdeutsche nicht im Osten studieren wollen: Es fehlt an emotionaler Bindung, und das Image spielt bei der Studienplatzwahl die größte Rolle.

Warum meiden junge Leute die Ost-Unis? Warum quetschen sie sich lieber in die vollen Hörsäle der West-Unis, drängen an österreichische oder holländische Universitäten und lassen Hochschulen im Osten links liegen? Gerade angesichts eines neuen Ansturms auf die Universitäten, mit dem in den kommenden Jahren aufgrund der doppelten Abiturjahrgänge zu rechnen ist, drängt sich diese Frage auf. 2005 ging jeder fünfte ostdeutsche Student in den Westen, aber nur vier Prozent der Westdeutschen fanden den Weg an ostdeutsche Unis.

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Eine neue Studie des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE), die in dieser Woche veröffentlicht wird, macht als Gründe vor allem „weiche, hochschulexterne Faktoren“ aus. Das Image der Ost-Hochschulen sei zwar allgemein gut, es fehle aber an der emotionalen Bindung.

Die Autoren Julia Beckmann und Markus F. Langer befragten online rund 1500 deutsche Studieninteressierte vor Aufnahme ihres Bachelor- oder Master-Studiums zu ihrer Einstellung nach einem Studium in den neuen Bundesländern. Da Bachelor- und Masterstudenten sich in ihren Ansichten kaum voneinander unterschieden, verzichtete man weitgehend auf eine differenzierte Darstellung.

Demnach spielt das Image der neuen Länder an sich bei der Studienplatzwahl die größte Rolle. Neben „positiven Merkmalen wie Sympathie und Freundlichkeit“ würde den dort lebenden Menschen „eben auch eine gewisse Ausländerfeindlichkeit zugeschrieben“. Je negativer das Image der Region, desto negativer sei auch die Einstellung zum dortigen Studium und die Bewertung der Hochschulen und ihrer Standorte.

Hinzu komme, dass viele junge Leute sich stark mit der Region identifizieren, aus der sie stammen. Nur jeder dritte potenzielle deutsche Studienanfänger fühle sich weder als west- noch als ostdeutsch. Dieser Befund sei nicht zu unterschätzen, betonen die Autoren, „weil diese Einflussgröße nur schwer durch Hochschulkommunikation beeinflusst werden kann und an sich nichts mit den Hochschulen zu tun hat“.

Erstaunlich: Jeder zweite Befragte wusste nicht, dass in den neuen Ländern keine Studiengebühren erhoben werden. Die Autoren spekulieren, ob diese Fehleinschätzung möglicherweise mangelndem Wissen hinsichtlich der Unterscheidung in Studiengebühren, Semesterbeiträgen und Verwaltungsgebühren zu schulden sei. Mit der Einschätzung der zusätzlichen Lebenshaltungs- und Mietkosten bis zu jeweils 300 Euro lagen die Befragten dagegen „im realitätsnahen Bereich“.

Vier unterschiedliche Gruppen

Insgesamt sind sich aber nur 18,8 Prozent „relativ sicher“, in den neuen Ländern zu studieren. Masterstudenten sind dazu etwas eher bereit als Bachelorstudenten (20,8 versus 16,8 Prozent). Bei Westdeutschen spielt hier auch die räumliche Distanz eine Rolle: Je weiter sie durchschnittlich von den Osthochschulen entfernt wohnen, desto weniger sind sie bereit, im Osten zu studieren. Wer in Düsseldorf wohnt und ein Technikstudium plant, wird es eher in Aachen als in Dresden antreten.

Die Studienautoren unterscheiden insgesamt vier Gruppen von Studieninteressierten. Die „Durchschnitts-Studieninteressierten mit indifferenter Einstellung“ (26 Prozent) zeichnen sich durch Unvoreingenommenheit aus, was einem Mangel an Information geschuldet sein kann. „Diese Gruppe ruft förmlich nach mehr Betreuung und Beratung bei der Studienwahl“, heißt es.

Die zweite, leider nur sehr kleine Gruppe bilden „kostenbewusste, informierte Osthochschul-Fans“ (14 Prozent). Dieser „enorm wichtige Zielgruppe“ seien die „derzeitigen Vorzüge der Osthochschulen schon bewusst“. Betreuungsarbeit sei jedoch auch hier zu leisten, „um die Studienabsicht Ost zu verstärken“.

Die Autoren regen etwa Schulpatenschaften an. Die generell hohe Mobilitätsbereitschaft der Westdeutschen und das Interesse von Schülern aus den alten Ländern an internationalen Austausch-Programmen könnten Ost-Unis geschickt nutzen, um das Interesse dieser speziellen Zielgruppe zu wecken und zu festigen.

Kostenlose Bahncard als Anreiz

Die beiden genannten Gruppen werden in der Studie als „Zielgruppe Nummer Eins der Marketingaufwendungen ostdeutscher Hochschulen“ bewertet. „Verheißungsvoll“ sei zudem, dass für 47 Prozent dieser Interessierten die Entfernung vom Wohnort keine Rolle spiele.

Ernüchternder sieht es bei den „sesshaften Westdeutschen mit starker regionaler Identität“ (39 Prozent) und den „Westdeutschen mit Ost-Aversionen“ (21 Prozent) aus. Beide Gruppen stellen eine „starke Herausforderung“ für die Ost-Hochschulen dar, denn beide sind geprägt durch eine eher negative Einstellung zum Osten, eine starke Identifikation mit ihrer westdeutschen Heimat sowie eine höhere Bewertung von Ausländerfeindlichkeit und schlechten Arbeitsmarktchancen.

Anreize wie eine kostenlose Bahncard werden zwar als hilfreich erachtet; vorab sei jedoch ein „stärkerer emotionaler Bezug“ zur Hochschule beziehungsweise Region herzustellen, mahnen die Autoren. Nachhaltiger als Werbekampagnen der Unis könnten beispielsweise Partnerschaften von ost- und westdeutschen Schulen wirken. Man könnte entsprechende Austauschprogramme etablieren. So würde die Zielgruppe schon vorab Erfahrungen mit den neuen Ländern und deren Menschen sammeln und Vorurteilen entgegenwirken.

Letztlich seien diese beiden Zielgruppen aber „nur schwer zu beeinflussen“, gestehen die Autoren. Die Arbeit läge hier stärker beim Bund und bei den Ländern als bei den Hochschulen.

Zuletzt aktualisiert: Dienstag, 3. November 2009, 16:40 Uhr

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